Natur kennt keine Verwaltungsgrenzen

Regionale Biodiversitätsstrategie

Das dicht besiedelte und industriell geprägte Ruhrgebiet hat einerseits eine hohe spezifische Artenvielfalt ermöglicht, andererseits wird diese Vielfalt durch menschliche Einflüsse und Umweltveränderungen immer mehr bedroht. Mit der regionalen Biodiversitätsstrategie schützen und fördern wir den Lebensraum für Tiere und Pflanzen, der auch unsere Lebensgrundlage darstellt.

Artenschutz ist Überlebensfrage

Das dicht besiedelte und industriell geprägte Ruhrgebiet hat einerseits eine hohe spezifische Artenvielfalt ermöglicht, andererseits wird diese Vielfalt durch menschliche Einflüsse und Umweltveränderungen immer mehr bedroht. Mit der regionalen Biodiversitätsstrategie schützen und fördern wir den Lebensraum für Tiere und Pflanzen, der auch unsere Lebensgrundlage darstellt.

Dieser Sommer zeigt eindrücklich, dass die Klimakrise vor unserer Haustür angekommen ist. Trockenheit, Waldbrände, immer weniger Insekten – Klima- und Umweltschutz sind längst keine Randthemen mehr, um die man sich mal kümmern kann, wenn alles Wichtige erledigt ist. Das ist inzwischen bei allen ernstzunehmenden Akteurinnen und Akteuren im Ruhrgebiet Konsens. Die biologische Vielfalt zu erhalten und zu fördern, ist eine Überlebensfrage für uns alle.

Daher ist die Ende Juni vom Ruhrparlament beschlossene regionale Biodiversitätsstrategie als Teil der „Offensive Grüne Infrastruktur 2030“ ein wichtiger Schritt in diese Richtung. Biodiversität bezeichnet die Artenvielfalt von Tieren und Pflanzen und ist die Grundlage unseres gesamten Ökosystems.

Einzigartige urbane Biodiversität

Das RVR-Gebiet ist die Heimat von mehr als fünf Millionen Menschen. Die wirtschaftliche und gesellschaftliche Transformation der letzten Jahrzehnte hat eine hohe Biodiversität hervorgebracht. Mensch, Natur und Industrie auf engem Raum, Industriebrachen, Bergsenkungen und die Lage zwischen Mittelgebirge und Tiefland sorgten für eine einzigartige Artenvielfalt.

Doch keine Medaille ohne zwei Seiten. Gleichzeitig sind die Belastungen und Gefährdungen im Ruhrgebiet besonders groß. Hohe Flächenbedarfe, versiegelte Böden, Altlasten, Bautätigkeiten, dichte Verkehrswege und klimatische Veränderungen bedrohen die Biodiversität zunehmend und führen an vielen Stellen zum Verschwinden der charakteristischen Lebensgemeinschaften. Das Insektensterben hat dramatische Ausmaße angenommen, die Hälfte der Wildbienen steht auf der Roten Liste der gefährdeten Arten.

Kräfte bündeln und gemeinsam handeln

Doch an vielen Stellen vor Ort ändert sich inzwischen etwas, um die Artenvielfalt zu schützen. So hat zum Beispiel der Ennepe-Ruhr-Kreis im Frühjahr eine Biodiversitätsstrategie verabschiedet, die explizit auf eine Zusammenarbeit mit dem RVR setzt. Natur kennt keine Verwaltungsgrenzen und die Herausforderungen, vor denen wir stehen, sind so immens, dass wir sie nur gemeinsam bewältigen können.

Der RVR wurde 1920 als Siedlungsverband Ruhrkohlenbezirk gegründet und seit seinen Anfangstagen gehört die Sicherung und Pflege von Grün- und Freiflächen zu seinen Kernaufgaben. Wald und Grün im RVR-Besitz entsprechen einer Fläche der Städte Mülheim und Oberhausen zusammen. Daher nutzen wir die Kompetenz des RVR, bündeln unsere Kräfte und erarbeiten in den nächsten Monaten gemeinsam – RVR, Kommunen, Kreise und Private – ein Handlungsprogramm mit konkreten Maßnahmen und Projekten.

Um den Jahrtausendwechsel hat der Ennepe-Ruhr-Kreis die Hälfte seiner Waldflächen an den RVR abgegeben. Dafür habe auch ich mich damals eingesetzt, weil er seine Wälder mit der Tochtergesellschaft Ruhr Grün kompetent bewirtschaftet und es keinen Sinn macht, dass zwei benachbarte Buchen zwei unterschiedliche Besitzer haben. Schließlich ist der RVR unser Verband.

Besondere Orte – Individuelle Maßnahmen

Die konkreten Maßnahmen der regionalen Biodiversitätsstrategie müssen die Gegebenheiten vor Ort betrachten und sich am Einzelfall ausrichten. Die Metropole Ruhr ist so heterogen, dass pauschale Festlegungen gerade beim Thema Biodiversität nicht geboten sind. Ein alter Friedhof oder eine Industriebrache mit individueller Industrienatur können zum Beispiel über eine viel größere Artenvielfalt verfügen als ein durchschnittlicher Mischwald oder ein riesiges Maisfeld. Insofern muss jeweils geprüft werden, wie ökologische und ökonomische Inwertsetzungen verbunden werden können.

Es wird weiterhin Nutzungskonflikte geben, für die wir individuelle Lösungen finden müssen. Zum Beispiel ist durch Corona im Ennepe-Ruhr-Kreis der Erholungsdruck gestiegen. Unsere Flächen werden seitdem verstärkt von Naherholungssuchenden aus Essen, Bochum und Dortmund genutzt. Wir haben inzwischen Ranger eingesetzt, die u.a. die verschiedenen Interessen vor Ort ausbalancieren. Ein freier Zugang zur Natur ist ein wichtiger Faktor für Lebensqualität und nicht zuletzt auch eine soziale Frage.

Mehr Naturwaldzellen

In der regionalen Biodiversitätsstrategie treffen Themen aufeinander, die bisher getrennt behandelt wurden. Wir wollen mehr Naturwaldzellen, also Waldflächen, die sich selbst überlassen werden. Gleichzeitig müssen wir Waldbränden vorbeugen und Schneisen für die Feuerwehr ermöglichen. Die konventionelle Landwirtschaft muss extensiver werden, das heißt u.a. Dünger und Insektenschutzmittel sind sparsamer und anders einzusetzen.

Auch Bevölkerung ist gefragt

Alle Beteiligten im Ruhrgebiet sind gefragt mitzumachen und einen Beitrag für mehr Artenvielfalt zu leisten, auch die Bevölkerung. Wir wollen die grauen Schottergärten nicht verbieten, aber dafür werben, dass es sinnvollere Lösungen gibt, den eigenen Vorgarten zu gestalten. Die Internationale Gartenausstellung IGA 2027 kann hier gute Impulse liefern.

Vielfalt in Gärten und beim Straßengrün

Es geht um die großen Flächen, aber auch um die vielen kleinen – Vorgärten, Schrebergärten, Straßenbäume und Blühstreifen. Verantwortung für mehr Artenvielfalt betrifft jeden einzelnen. Das Thema ist in der Bevölkerung angekommen und wir stellen fest, dass die Bereitschaft gesunken ist, Freiflächen zu opfern. Mit unseren Flächen sparsam umzugehen und mehr Netze zu schaffen, über die die Natur sich ausbreiten kann, gehört zu den großen Aufgaben, vor denen die Region steht. Mit der regionalen Biodiversitätsstrategie packen wir sie gemeinsam an.

Olaf Schade ist Landrat des Ennepe-Ruhr-Kreises, stellvertretender Fraktionsvorsitzender im Ruhrparlament sowie Mitglied im RVR-Ausschuss für Klima, Umwelt und Ressourceneffizienz.

Foto: ©SPD im Ruhrparlament

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